Montag, 07.03.2005
Vom Wert des sterblichen Seins
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Christian Wiese hat zur Woche der Brüderlichkeit [München] einen Artikel über die Philosophie von Hans Jonas veröffentlicht. Seine Grundgedanken von der Heiligkeit des Lebens möchte ich hier auszugsweise wiedergeben.
(zum ganzen Artikel ...)
(Ausschnitt aus meinem Skizzenbuch)
Am 30. Januar 1993, wenige Tage vor seinem Tod, erinnerte Hans Jonas ... daran, daß sich in dem mit Blick auf die Zukunft von Menschlichkeit und Toleranz so überaus trügerischen zwanzigsten Jahrhundert ?in einem der Herzländer unserer gerühmten Kultur? jene ?höllische Offenbarung? ereignet habe, die mehr als alles Frühere ?den Titel des Menschen als Ebenbild Gottes in Frage stellt?.
Man kann darin ein Zeichen dafür erkennen, daß der Philosoph bis zum Ende seines Lebens nicht nur von der Ermordung seiner Mutter, sondern überhaupt von dem Geschehen der Schoah in Atem gehalten wurde und darin die fundamentale ethische Verantwortung erblickte, weit über seine eigene Lebenszeit hinaus alle Kräfte der Moralerziehung und Wachsamkeit gegen ?diese kaum jemals schlafende Bestie? der Inhumanität zu mobilisieren.
Charakteristisch für Jonas? Denken ist jedoch vor allem, daß er in jener Rede die Erinnerung an die Menschenverachtung der Nazis in einen inneren Zusammenhang mit der Bedrohung des Lebens auf der Erde durch die technologische Hybris des Menschen stellte. Die Schoah als Höhepunkt des nationalsozialistischen ?Kultes der menschenverachtenden Macht? ... ist, so deutete er an, Ausdruck derselben Indifferenz gegenüber dem Wert des Lebens, die dem zerstörerischen, gedankenlosen oder fatalistischen Umgang mit der natürlichen Umwelt innewohnt.
Hans Jonas? leidenschaftliches Eintreten für die Würde menschlichen Lebens, die eindringliche Warnung vor ihrer Preisgabe und der Aufruf zur unbedingten verantwortlichen Bewahrung des Ökosystems der Erde gehören ... zu den Elementen, welche die Aktualität seines philosophischen Vermächtnisses begründen.
Philosophische Kritik des Nihilismus
Während des Krieges hatte Jonas in Auseinandersetzung mit seinem Lehrer Martin Heidegger und dessen Affinität zum Nationalsozialismus begonnen, eine ?Gegenphilosophie? gegen den Nihilismus zu entwerfen, der aus seiner Sicht dem modernen Existentialismus innewohnte und für den Mangel an intellektuellem Widerstand gegen die Unmenschlichkeit der Nazi-Ideologie mit verantwortlich war.
In seiner Philosophie des Organischen, ... setzte Jonas Heideggers existentialistischen Kategorien aus Sein und Zeit (1927) ? ?Sichverlieren?, ?Geworfenheit? in die Nichtigkeit der Welt, Grundbefindlichkeit der Angst ? welche die Welt wesentlich als Ort der Finsternis, Fremde und ?Un-Heimlichkeit? fürchten, verachten und der ethischen Gleichgültigkeit aussetzen, einen Denkentwurf entgegen, der es dem Menschen ermöglichen sollte, sich als integraler Teil einer ganz und gar nicht gleichgültigen, seelenlosen, sondern sich selbst bejahenden und wertvollen Natur zu fühlen.
Angesichts [seiner persönlichen] ... physischen Bedrohung besann sich Jonas entgegen der Auffassung der modernen Naturwissenschaften wie des Nihilismus neu auf das, was menschliches Sein mit allem Lebendigen teilte: das Prinzip der Selbstbejahung der Natur, das seinen Ausdruck im unausrottbaren Willen zum Überleben findet.
... In seiner Leibhaftigkeit mit der Welt verflochten, muß der Mensch die Welt nicht als ungastliche Fremde empfinden, sondern kann sie als Ort annehmen und verantwortlich gestalten, in dem alles organische Leben sein Überleben stets dem Nicht-Sein abringen muß und sein ?vermessenes Sondersein in der Materie? führt, paradox, labil, unsicher, gefährdet, endlich und tief verschwistert dem Tode.?
Später... entwickelte sich daraus ... eine ?Revolte wider die Weltflucht?(Micha Brumlik): das im Prinzip Verantwortung erkennbare Plädoyer gegen jegliche Tendenz zur Entweltlichung oder Gleichgültigkeit gegenüber einer denkbaren Vernichtung der Schöpfung und für die ?Weiterwohnlichkeit der Welt? auch unter den vom Verhängnis überschatteten Bedingungen hochtechnisierter Zivilisation.
In einem Vortrag aus dem Jahre 1970 ... diagnostizierte Jonas ein metaphysisches Vakuum, dem die moderne philosophische Ethik nichts entgegenzusetzen habe. An die Stelle der Lehre der Tora von der transzendenten Ursache der Welt, die den Menschen in die Verantwortung rufe, seien in der Moderne der ethische Relativismus und die Indifferenz getreten, und die Bestreitung der Gottebenbildlichkeit des Menschen, die zugleich den Verlust der ethischen Konsequenz einer transzendenten Verantwortung mit sich gebracht habe, habe dazu geführt, daß der seiner metaphysischen Würde entkleidete moderne Mensch dem Zwiespalt zwischen der maßlosen Macht seiner Handlungsmöglichkeiten und einer fundamentalen ethischen Orientierungslosigkeit rettungslos ausgeliefert sei.
Im Widerspruch gegen den Nihilismus verwies Jonas auf die jüdisch-christliche Tradition der ?Schöpfung? und ?Heiligkeit des Lebens?, die geeignet sei, der Ausbeutung der Erde wie der unbegrenzten Nutzung technologischer Macht den Respekt vor der Würde allen Lebens entgegenzusetzen. Eindringlich warnte Jonas in diesem Zusammenhang vor allem vor einer unkontrollierten Gentechnik, die Jonas ?das Bild der Schöpfung selbst, einschließlich des Menschen? auf dramatische Weise zu gefährden schien, und setzte dem utopischen ?Jonglieren mit den Genen? die Einsicht in die Würde des Menschen entgegen, der nicht als vollkommenes Wesen, sondern gerade in seiner Verletzlichkeit und Sterblichkeit gottebenbildlich sei.
Die philosophische Bejahung der Hinfälligkeit und Endlichkeit des Lebens, die an so vielen Stellen des Werkes von Jonas aufscheint, begründet, gemeinsam mit dem Bekenntnis zur Geschöpflichkeit des Menschen, die Grenze, die er gegenüber allzu eingreifenden Manipulationen zur Lebensverlängerung, hochmütigen Unsterblichkeitsphantasien und dem gefährlichen Traum von einer ?Vervollkommnung? des Menschen auf dem Wege der Gentechnik zog. Dabei ist die Zurückweisung des medizinischen Traumes vom ? und sei es partiellen ? Sieg über den Tod das ethische Pendant eines Verständnisses des Lebens, das ?auf Angst und Stachel der Endlichkeit nicht verzichten? mag, sondern, wie Jonas in seinen Überlegungen über ?Unsterblichkeit und heutige Existenz? betonte, darauf beharrt, ?dem Nichts uns gegenüberzustellen und die Kraft zu haben, mit ihm zu leben?.
Nihilismus hat in dieser bejahenden Haltung gegenüber dem Leben wie dem Tod keinen Raum. In einer sehr persönlichen Passage seiner Erinnerungen, in der Jonas rückschauend versucht, Helles und Dunkles in seinem eigenen Leben gegeneinander abzuwägen, kommt er trotz der schweren Erfahrungen, die mit seinem Schicksal als deutscher Jude zusammenhängen, zu dem Urteil: ?Ich muß bei mir sehr suchen, um ein tragisches Element in meinem Leben wie in meinem Verhältnis zur Welt zu finden, wenn ich von dem Verlust meiner Mutter und von dem absehe, was jeder Jude mit dem Holocaust mit sich herumträgt. Aber die Welt ist für mich, obwohl auf ihr natürlich furchtbare Dinge geschehen, niemals ein feindlicher Ort gewesen.?
... Die Welt ist, trotz aller Leiden, derer sich Jonas in vollem Maße bewußt ist, dann kein ?feindlicher Ort?, vor dem es zu flüchten gilt, wenn der Mensch seine Fähigkeit, zu denken, zu fühlen und verantwortlich zu handeln, als Geschenk annimmt, das ? als Tribut an diese Lebendigkeit ? deren Negation, den Tod, unwiderruflich in sich trägt.
In seinem 1992 gehaltenen Vortrag Philosophie. Rückschau und Vorschau am Ende des Jahrhunderts [den ich sehr bewegt im Residenztheater im Rahmen der Vortragsserie miterleben durfte] stellte Jonas den inneren Zusammenhang zwischen seiner Philosophie des Organischen und seinem Prinzip Verantwortung her, indem er betonte, ?im warnenden Wetterleuchten nahender Krise?, deren Urheber der Mensch sei, rücke die Frage nach der ?Versöhnung unseres vermessenen Sonderseins mit dem Ganzen, aus dem wir leben, ins Zentrum der philosophischen Sorge?.
Der Mensch sei zur ?gefräßigsten aller Kreaturen? geworden und müsse in dem Maße, in dem erkennbar werde, daß er die bisherigen Gleichsgewichtsmechanismen ökologischer Systeme außer Kraft gesetzt habe, die Verantwortung für den Fortbestand des Ganzen übernehmen. ?Im Erwachen aus hundertjährigem technologischen Beutefest und Siegestaumel, mit seinen Glücksutopien für das ganze Geschlecht, entdecken wir eine früher unvermutete Tragik in der Gabe des sechsten Schöpfungstages, der Verleihung des Geistes an ein Wesen der Notdurft und der Triebe. Im Geiste treffen sich Adel und Verhängnis. Er, der in seinem Selbstwert das Sein des Menschen ins Metaphysische erhöht, wird in seinem Nutzwert das Instrument brutalsten biologischen Erfolges. In sich erfüllt er die Bestimmung des Menschen, um sich verbreitet er Verderben.? Der Geist in seiner Zwiespältigkeit sei jedoch, wie Jonas in Anspielung auf Heideggers resignierte Reflexionen über die Bedrohung durch die moderne Technologie geltend machte, zugleich der einzig ?mögliche Retter?: ?Kein rettender Gott nimmt ihm die Pflicht ab, die seine Stellung in der Ordnung der Dinge ihm auferlegt.?
Als zentrales Element jüdischer Überlieferung, das in Jonas? Werk immer wieder zum Tragen kommt, gehört das Motiv der ?Schöpfung? ? mitsamt dem impliziten Anspruch der dem ?Geschöpf? Mensch aufgetragenen Achtung vor ihrer Integrität ? zu den entscheidenden Motiven seines Denkansatzes. In ethischer Hinsicht konzentriert sich der Bezug auf die ?Schöpfung? bei Hans Jonas namentlich auf die ?Heiligkeit des Lebens?. In seinen späten Reflexionen über Materie, Geist und Schöpfung führte er daher als verborgenes Motiv seines Philosophierens das liturgische Gottesprädikat rozeh ba-chajim ? ?der das Leben Wollende? ? an, dem auf menschlicher Seite die Freiheit und Verantwortung des Geschöpfes entspricht, die Würde und Unversehrtheit jeglichen Lebens zu achten und seiner Zerstörung zu widerstehen.
Sein Prinzip Verantwortung, mit dem er angesichts der Erkenntnis der kollektiven wie personalen Verantwortung für die verhängnisvollen Zukunftsfolgen gegenwärtigen technologischen Handelns Strategien der Demut, der Selbstbegrenzung menschlicher Freiheit sowie der Ehrfurcht vor dem Leben zu entwickeln versuchte, verzichtet demgegenüber bewußt auf religiöse Begründungen, weil er sich des schwindenden Vertrauens in die Selbstevidenz und ethische Relevanz des Religiösen bewußt war. Jonas wollte nicht nur der Gefahr entgehen, daß sein Entwurf als ?jüdische Ethik? abgestempelt würde. Es war vielmehr auch Teil seines philosophischen Ethos, sich nicht auf eine scheinbar unangreifbare, weil religiöser Bindung verpflichtete Position zurückzuziehen. Jonas bestritt, daß lediglich der Glaube, Natur und Mensch seien von Gott geschaffen und der Mensch sei zum Wächter und Verwalter der Schöpfung eingesetzt, den Imperativ der Verantwortung begründen könne.
Die Existenz Gottes ist aus seiner Sicht für die Ethik nicht entscheidend, weil, wie er in einem unveröffentlichten Vortrag zum Thema ?Wie können wir unsere Pflicht gegen die Nachwelt und die Erde unabhängig vom Glauben begründen?? ausführte, auch ?vom immanenten Anspruch eines an-Sich-Guten auf seine Wirklichkeit? ein ?gebietender Wille? ausgeht, sich also die Ontologie der Natur und das daraus folgende Gebot verantwortlicher Selbstbegrenzung des Menschen auf der Grundlage bloßer Vernunft begründen läßt. Hans Jonas konnte auf diesem Hintergrund in seinen Reflexionen über die Gefahren der Biogenetik auch von nichtreligiösen Menschen fordern, wieder ?Furcht und Zittern [?] und, selbst ohne Gott, die Scheu vor dem Heiligen? zu lernen. Trotz dieser Säkularisierung des Konzept der ?Heiligkeit des Lebens? deutet vieles darauf hin, daß den Philosophen die Gottesfrage und die daraus resultierenden ethischen Fragen intensiv beschäftigten. Der theologische Bezug auf die Schöpfung und die ?Heiligkeit des Lebens? ist im Zuge des Entwurfs einer autonomen Zukunftsethik lediglich zurückgetreten, um deren universale philosophische Plausibilität nicht zu gefährden.
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